Donnerstag, 12.8.
Ohne die Hand vom linken Griff des Motorradlenkers zu nehmen, kann ich auf meiner Uhr sehen, dass es halb zwei ist. Die Handschuhe sind im Seitenkoffer, die Ärmel zurückgekrempelt. Ein schwül-heißer August Nachmittag. Der Fahrtwind ist sogar bei 90 kmH warm und feucht. Wir fahren Richtung Norden.
Es wird auf dieser Reise schon noch kühler werden.
Das Motorrad ist schwer bepackt. So schwer, dass ich meine Zweifel habe, ob wir noch innerhalb des zulässigen Höchstgewichts sind. Hatte vor der Abreise einen Check machen lassen, neue Reifen aufziehen und dabei den Reifendruck etwas erhöhen lassen. Eine Maßnahme die sich jetzt bewährt. Jedenfalls rumpelt und holpert die Maschine über die ramponierte Landstraße dem Brenner zu. Nur in den Kurven macht sich das ungewohnte Gewicht bemerkbar.
Wer einmal durch Österreich gefahren ist weiß was ich meine. Zwei Polizeistreifen mit Radarpistolen bemerken wir rechtzeitig. Entgegenkommende Motorradfahrer warnten uns mit Handzeichen. Als ich kurz vor Innsbruck zum Überholen ansetze, sehe ich über das Autodach hinweg einen Streifenbeamten sein Täfelchen zücken. Weil der Überholvorgang nicht ausgeführt wurde und ich mich herausreden konnte, nur der besseren Sicht wegen in die Straßenmitte gefahren zu sein, beließ er es bei einer Verwarnung.
Ich schaue mich nach Roswitha um, und sie lächelt.
Ich lächle auch.
Wir erreichen den Bahnhof und nehmen die vorgebuchten Tickets für den Autoreisezug nach Berlin entgegen. Über Nacht werden wir auf diese weise unserem Ziel, dem Nordkap, näherkommen. Der Verladebahnhof befindet sich auf der anderen Seite des Geländes. Ein paar Waggons stehen schon bereit und werden gerade beladen. Zwischen Autos rolle ich über eine Rampe vorsichtig hinein. Mit Hilfe zweier Bediensteter zurre ich die Maschine fest. Zwei Berliner mit alten Harleys aus den 50ern hatten in Südtirol Touren unternommen und sind jetzt auf dem Heimweg.
Nach der Verladung bleiben uns bis zur Abfahrt des Zuges noch gut zwei Stunden Zeit.
Wir machen einen Stadtbummel, essen eine Kleinigkeit.
Die Hitze ist etwas abgeklungen.
Als wir zum Verladebahnhof zurückkommen, wird unsere Garnitur gerade an den Zug angehängt, der uns über Nacht nach Berlin bringen wird.
Wir steigen ein, suchen unser Abteil auf, machen es uns bequem. Wir teilen es mit einem Motorradfahrer aus Hamburg. Ich schlafe in der Enge des Abteils nicht besonders gut. Zeitweise regnet und donnert es.
Freitag, 13.8.
Als uns in der Frühe der Schaffner ein Frühstück bringt, erfahren wir, dass der Zug wegen der nächtlichen Unwetter mit gut vier Stunden Verspätung in Berlin eintreffen werde. Aus der geplanten Stadtbesichtigung wird unter diesen Umständen nichts.
Die zwei Berliner Motorradfahrer, Feuerwehrmänner, begleiten uns ins Zentrum wo wir Gabi und Thomas, alte Bekannte, treffen. Ich gebe ein Bier aus.
Viel Zeit haben wir nicht.
Bald müssen wir Abschied nehmen und die zwei Harleys voraus, fahren wir aus der Stadt zu den Abzweigungen.
Die letzten guten Wünsche und es geht hinaus auf die Autobahn nach Rostock.
Der Verkehr rollt locker dahin. An das Handling mit der schweren Maschine habe ich mich gut gewöhnt.
So langsam macht sich in mir ein Gefühl breit.
Die Reise hat nun endgültig begonnen. Go north!
Wenn man mit dem Motorrad Ferien macht, sieht man die Welt mit anderen Augen. Im Auto sitzt man ja immer in einem Abteil, und weil man so daran gewöhnt ist, merkt man nicht, dass alles, was man durchs Autofenster sieht, auch wieder bloß Fernsehen ist. Man ist passiver Zuschauer, und alles zieht gleichförmig eingerahmt vorüber.
Auf dem Motorrad ist der Rahmen weg. Man ist mit allem ganz in Fühlung. Man ist mitten drin in der Szene, anstatt sie nur zu betrachten, und das Gefühl der Gegenwärtigkeit ist überwältigend. Der Asphalt, der da 20 cm unter den Füßen durchwischt, ist echt, derselbe Stoff, auf dem man geht, er ist wirklich da, so unscharf zwar, dass er sich nicht fixieren lässt, aber man kann jederzeit den Fuß darauf stellen und ihn berühren; man erlebt alles direkt, nichts ist auch nur einen Augenblick dem unmittelbaren Bewusstsein entzogen.
Das Wetter ist heute unbeständig. Wir sind noch keine Stunde unterwegs, zeichnet sich ab, dass es bald regnen werde. Vorsorglich ziehen wir das Regenzeug über und nach 2 Kilometern geht es schon los. Strichweise fällt der Regen. Bald ist es trocken, bald wieder regnet es. Ein Zustand, der uns auf dieser Reise noch öfter zu schaffen machen wird. Lästig ist weniger der Regen als die Gischt, die von Schwerfahrzeugen und den besonders schnell fahrenden Autos aufgewirbelt wird und die sich entgegen den strömungstechnischen Gesetzmäßigkeiten überallhin niederschlägt. Aber das ist nur ein Problem beim Autobahnfahren. Bald wird es nur noch Landstraßen geben.
Rostock erreichen wir am späten Nachmittag.
Die Zugverspätung schleppen wir immer noch mit uns und müssen auch hier wieder auf eine Stadtbesichtigung verzichten. Wir fahren direkt zum Fährhafen.
Vor dem Kiosk der Fährgesellschaft liegt eine schöne Möwenfeder am Boden. Ich hebe sie auf und stecke sie am Kiel zwischen die Halterung der Windschutzscheibe.
Mit den vorgebuchten Tickets ist alles ok. Der Parkplatz an der Rampe wird immer voller. Auf 10 Spuren warten LKW und Autos auf die Verladung. Fast nicht zu glauben, dass diese Menge Fahrzeuge bald im Bauch des Schiffes verschwinden wird. Für uns Motorräder, wir sind vier, 1 aus Bonn und zwei aus Uckermark, steht eine eigene Spur zur Verfügung. Wir können unmittelbar nach den Formalitäten an Bord gehen bzw. fahren. In der uns zugewiesenen Ecke stellen wir das Motorrad ab, zurren es fest, entnehmen noch das Tagesgepäck und die Schlafsäcke für die Nacht und begeben uns auf Deck 7. Über die Reeling gelehnt schauen wir zu, wie Auto um Auto über die Rampen ins Schiff einfahren.
Bald nachdem alle an Bord waren, setzt sich das Schiff in Bewegung. Zunächst rückwärts aus dem Hafen hinaus um dann immer schneller werdend, endgültig den Weg nach Norden einschlagend.
Wir halten uns auf Deck 8, in der Nähe des á la Carte-Restaurants auf und lassen uns einen 2er-Tisch reservieren. Die wenigen Plätze sind bald vergeben, jedenfalls kommen immer wieder Gäste die abgewiesen werden müssen. Wir bestellen uns allerhand Leckereien. Ein Rentiersteak durfte natürlich auch nicht fehlen. Ein Fläschchen Zweigelt Sandgrube 19 rundete die Gourmet-mäßige Schlemmerei ab. Die Stimmung erreicht einen ersten Höhepunkt.
Zum Schlafen begeben wir uns in den Ruhesesselraum. Kabine war zum Zeitpunkt der Buchung keine mehr frei. Zunächst probieren wir in den Sesseln eine bequeme Schlafhaltung zu finden. Bald ziehe ich es vor, mich einfach auf den Boden zu legen und Roswitha tut es mir gleich. Weil die Beleuchtung eingeschaltet bleibt, verkrieche ich mich in meinen Schlafsack und lasse nur ein kleines Luftloch offen. Später dann, als die Beleuchtung abgesenkt wird, stecke ich den Kopf aus dem Sack.
Mit dem Ohr am Boden ist aus dem Schiffsbauch das unablässige wummern der Motoren zu hören. Um uns herum liegen andere Passagiere. Ein ständiges Kommen und Gehen. Zudem ist jetzt auch stärkerer Seegang zu spüren. Trotz der großen Schilder die darauf hinweisen die Alarmanlagen der Autos zu deaktivieren, hört man im Schiffsinnern immer wieder eine losgehen.
Samstag, 14.8.
Irgendeinmal muss ich doch eingeschlafen sein. Jedenfalls werde ich erst wach als gegen 7.30 Uhr um mich herum alle anfangen sich zu erheben.
Die Kleider hatten wir nicht abgelegt, nur die Schuhe und Jacken abgestreift. Wir begeben uns von Deck 5 auf Deck 8 wo ein üppiges Frühstücksbuffet angerichtet ist. Als wir nicht mehr können, belegen wir noch Brote und packen etwas Obst ein.
Auf Deck 10 stehen den Passagieren Sauna, Whirlpool und Sanitäranlagen zur Verfügung. Da wir im Moment die einzigen Badegäste sind, duschen wir kurzerhand zusammen in einer der Damenduschen. Danach begeben uns an Deck ins Freie.
Es scheint die Sonne, ein unwirkliches Blau überzieht den Himmel. Vereinzelt fliegen ein paar Schäferwölkchen dahin. Der Wind, zu dem wohl auch der Fahrtwind zu addieren ist, schlägt uns beim Verlassen der Verglasung mit aller Kraft entgegen. Vom Bug spritzen immer wieder Wasserfontänen bis auf Deck 7, dem Freiluftdeck. Das Schiff macht seiner Gesellschaft SuperFast - alle Ehre. Es pflügt mit über 30 Knoten durch die 3 Meter hohen Wellen. Welch unglaubliche Kraft muß erforderlich sein um dieses 12stöckige Monstrum mit dieser Wucht dahinzutreiben.
An der Reeling hangeln wir uns ans Schiffsende. Hier im Windschatten finden wir ein ruhiges Plätzchen das zum Verweilen einlädt. Den ganzen Tag verbringen wir hier mit faulenzen. Der Wind ist hier nur als Brausen in der Takelage zu hören. Eine gute Gelegenheit etwas zu schlafen, die vom Frühstücksbuffet abgezwackten Brote zu essen, dahinzudösen.
Ab und zu kommt auf der einen oder anderen Seite Land in Sicht. Erinnerungen werden wach.
Das Blau des Himmels das am Horizont mit dem Blau des Wassers verschmilzt, dieses Licht, diese Stimmung.
Vor 20 Jahren war ich schon einmal hier. Mit meinen Söhnen die damals 5 und 3+3 Jahre alt waren, fuhr ich mit einem klapprigen R4 die Küste entlang, die da draußen in der Ferne manchmal zu sehen ist. Auch damals war das Nordkap unser Ziel.
Der Tag vergeht und am späten Nachmittag erreichen wir Hanko in Finnland. Nach dem ausgiebigen Sonnenbad an Bord haben wir einen leichten Sonnenbrand, der sich durch jucken und leichtes Brennen bemerkbar macht.
Wir machen uns, sobald wir an Land sind, sofort auf den Weg nach Helsinki/Helsingfor. In herrlicher Abendstimmung fahren wir auf einer Schnellstraße dahin. Die Schilder mit den Geschwindigkeitsbeschränkungen werden von den wenigen Verkehrsteilnehmern penibel eingehalten. Und auch die Schilder die vor Wildwechsel, insbesondere vor Elchen warnen, sind ernst zu nehmen. Kaum hatten wir das erste Schild passiert, steht schon einer mitten auf der Fahrbahn.
Die 100 Kilometer nach Helsinki sind bald abgehackt. Dort angekommen, machen wir uns zunächst auf die Suche nach dem vorgemerkten Hotel. Gar nicht so einfach. Wir fragen mehrere Jugendliche. Bei näherem Hinsehen und den gelallten Antworten nach zu schließen sind sie zugedröhnt.. Die können uns nicht weiterhelfen. Also nehmen wir ein Taxi als Lotsen. Wir machen uns im Hotel etwas frisch und machen eine Runde im Viertel. Um 23 Uhr finden wir keine offene Bar oder auch nur eine Imbissbude. Es sind zwar viele Jugendliche unterwegs, manche angetrunken, aber offensichtlich alle von und zu Privatpartys oder Studenten vorbehaltenen Lokalen. So essen wir ein mitgebrachtes Paket Kekse und begeben uns zu Bett.
Sonntag, 15. 8.
Gut ausgeschlafen streben wir zunächst in den Frühstücksraum um ein üppiges Frühstück einzunehmen. Wir haben in Helsinki zwei Tage zu verbringen. Der Autoreisezug nach Rovaniemi ist erst für Montagabend vorgemerkt.
Es regnet zwar nicht, aber der Wetterbericht den wir per SMS einholen, schließt solchen nicht aus. Wir beschließen zunächst das Moto aus der Garage zu holen und Richtung Lathi,
ins 1000-Seen-Gebiet, einen Ausflug zu machen.
Phantastisches Fahren, wenn es nicht so verdammt kalt wäre. Schräg einfallende Vormittagssonne lässt in den Wäldern glänzen, was beinahe wie Reif aussieht, aber es ist wohl nur der Tau der so glitzert, und ein bisschen Nebel.
Wir haben alles fast für uns allein.
Wir sind vom Klima unserer Heimat verwöhnt und sind diesbezüglich noch nicht im Norden angekommen.
Die wenigen warmen Sachen die wir mitgebracht haben, lassen wir auch noch im Hotel. Dass hier ein anders Lüftchen weht merken wir, als die Sonne endgültig hinter dicken Wolken verschwindet und es leicht zu regnen beginnt. Richtig kalt ist es jetzt. Schon alleine deswegen fahren wir auf der perfekt ausgebauten, autobahnähnlichen Schnellstraße eher langsamer dahin als wir dürften.
Es sind wenige Autos unterwegs und noch weniger Motorräder. Hier im Norden ist mit einem Motorrad nicht allzuviel anzufangen. Die beiden die wir kreuzen, grüßen mit hocherhobener Hand von der anderen Fahrbahn herüber.
Von den 1000 Seen sieht man vom Straßen-Niveau aus nicht viel. Bald links bald rechts der Straße eine Wasserfläche.
Für den richtigen Überblick müsste man fliegen können.
Am Straßenrand entdecke ich eine Mülltonne aus der eine zusammengerollte Zeitung herausragt. Ich entfalte sie und stecke sie unter die Motorradjacke. Jetzt bin ich wenigstens vor dem Fahrtwind besser geschützt. Etwas enttäuscht kehren wir nach Helsinki zurück.
Zunächst machen wir zu Fuß eine Runde durch die Stadt. Immer wieder wird der Blick von architektonisch auffallenden Gebäuden angezogen. Im Hafen liegen viele Schiffe. Alte Hansesegler, neuere Frachter, private Boote, Kreuzfahrtschiffe. Etwas abseits sind 2 gewaltige Eisbrecher vertäut, die hier auf ihren Wintereinsatz warten. Wegen des geringen Salzgehaltes friert die Ostsee bei starkem Frost zu.
Am Gelände sind Stände aufgebaut die die unterschiedlichsten Waren feilbieten. Krämereien, Geräte, Messer, Felle, Handarbeiten, Kunsthandwerk aus Lapland.
Dazwischen immer wieder Imbissstände mit allerlei Gerichten. Auf großen Schalen sind Speisen angerichtet und über einen Herd gehängt. Bei einem der über ein Vordach verfügt - es regnet jetzt heftiger - kaufen wir uns zwei Portionen leckeres Fischgericht und verzehren es. Ein Italiener gesellt sich zu uns. Er kommt vom Nordkap und ist ins Baltikum unterwegs.
Er warnt uns vor Übertretungen und den zwar seltenen, aber überaus strengen Polizeikontrollen. Er habe um 9 Uhr früh bereits ins Röhrchen blasen müssen.
Wir sind immer noch etwas durchgefroren und kehren zurück ins Hotel. Eine heißes Bad und ein Nickerchen im Bett wärmen uns entgültig wieder auf und machen uns fitt für einen Abendbummel durchs Zentrum.
In einem Restaurant lassen wir uns ein Steak BBQ bruzzeln, dazu gibt’s Kartoffeln. Wir spazieren herum, suchen nichts bestimmtes. Übergewichtige Personen beiderlei Geschlechts tummeln sich hier in auffallend großer Zahl. Wieder treffen wir auf Gruppen von Jugendlichen, die Flaschen haltend herumziehen. Leere Flaschen die herumliegen und eine Spur von Scherben zeigen an wo sie schon waren.
Wieder müssen wir feststellen dass, so es hier ein Nightlife gibt, es wohl nur Insidern vorbehalten ist.
Montag, 16.8.
Wieder genehmigen wir uns ein reichhaltiges Frühstück. Heute meint es der Wettergott wieder gut mit uns. Nach kurzer Beratung beschliessen wir, rund 100 Kilometer, ins Schärengebiet der Pellinge hinauszufahren.
Am Cockpit tänzelt die Mövenfeder im Fahrtwind, die ich am Kai in Rostock aufgelesen hatte.
Ein Wegweiser gibt die Entfernung nach St. Petersburg mit 230 Kilometern an. Vielleicht ein anderes mal. Unser Ziel bleibt das Nordkap. An der Straßenböschung immer wieder Büscheln mit Preiselbeeren. Auch Pfifferlinge sind immer wieder zu sehen. Eine Abzweigung führt durch ein Wäldchen an einen See.
Gut getroffen! Eine Idylle.
Ein Finne hat sich hier eine Hütte gebaut. Unten auf dem Wasser schwimmt ein Holzponton auf dem wir uns in der Sonne rekeln und dazu eine Zigarette rauchen. Der Sonnenbrand vom Samstag macht sich freilich bemerkbar. Ich schwimme zu einer kleinen Insel hinaus. Das Wasser ist erträglich kalt. Zu meiner Überraschung ist es salzig. Also ist das hier gar kein See sondern ein Meeresarm der tief ins Landesinnere reicht.
Von der nahen Hütte kommt eine Frau herüber. Sie hatte gemerkt dass wir Ausländer sind und hat ein Münzalbum mitgebracht in dem sie die Euromünzen der verschiedenen Länder sammelt. Nach Durchsuchung aller Taschen konnten wir mit einigen Münzen zu ihrer Sammlung beitragen.
Gegen Nachmittag machen wir uns wieder auf den Weg. An einer Fähranlegestelle zu der auch eine Bar gehört, trinken wir ein Bier. Nun müssen wir aber wirklich! Nach Helsinki zum Bahnhof, das vorgemerkte Ticket am Schalter geholt und raus zum Verladebahnhof. Als das Moto verladen ist, trinken wir vor dem Bahnhofsrestaurant in der Abendsonne noch ein Glas Rot- bzw. Weißwein.
Pünktlich um 19.20 Uhr setzt sich der Autoreisezug nach Rovaniemi in Bewegung. Über Nacht werden wir bequem schlafend 800 Kilometer zurücklegen. Go north.
Im Speisewagen essen wir eine Kleinigkeit. Danach ziehen wir uns ins Schlafabteil zurück. Wir belegen zu zweit eine 3er-Kabine mit Nasszelle. Ich lege mich mit dem Kopf zum Fenster. Die Landschaft zieht wie ein Film vorüber. Wald, Lichtungen, Wiesen, Seen, Wald. Irgendeinmal hört das Rattern und Schaukeln auf, der Zug bleibt stehen.
Der Himmel wird hier im Norden im Sommer nicht mehr dunkel.
Langsam steigt der Mond über den Horizont hinter den Birken herauf, und an seinem langsamen, geduldigen Lauf über den Himmel messe ich Stunde um Stunde des Halbschlafs.
Die Reise von damals geht mir durch den Kopf, vor 20 Jahren.
Seltsame Träume und zusammenhanglose Erinnerungsfetzen geraten durcheinander und vermischen sich in einer unwirklichen, verlorenen Landschaft, in der der Mond scheint, und doch ist da eine Nebelbank und ich reite auf einem Pferd und die Kinder sind bei mir und das Pferd setzt über einen Bach, der durch den Sand zum Meer hinabfließt, das irgendwo drüben liegt. Und dann löst sich das auf... Und dann kommt es wieder.
Und aus dem Nebel taucht schemenhaft eine Gestalt auf. Sie verschwindet, wenn ich sie direkt ansehe, erscheint aber wieder am Rande meines Gesichtsfeldes, wenn ich wegschaue.
„Wer reitet so spät durch Nacht und Wind? Es ist der Vater mit seinem Kind.“
Der Zug wird rangiert und sobald er wieder losfährt hat sich die Fahrtrichtung geändert.
Ich falle in einen tieferen Schlaf und nur einmal als ich kurz aufwache, sehe ich, das wir dem Meer entlang fahren.
Dienstag, 17.8.
Gegen 8 Uhr sind wir in Rovaniemi. Es ist stark bewölkt, regnerisch und noch einmal um ein bisschen kälter.
Wir finden ein Hotel, Monte Rosa, wo wir ausgiebig frühstücken.
Als wir zur Weiterreise bereit sind, zeigt sich etwas Sonne.
Auf dem Parkplatz des Santa Village packen wir die Regensachen wieder weg.
Als ich damals vor bald 20 Jahren, mit den Kindern hier anhielt, war hier eine einfache Raststation mit einem Strich über die Straße, der den Polarkreis anzeigt.
An diesem Breitengrad geht am 21. Juni die Sonne nicht unter aber halt im Winter auch nicht auf. Je weiter nach Norden an umso mehr Tagen. So bleibt zum Beispiel am Nordkap die Sonne vom 11. Mai bis 31. Juli am Himmel zu sehen. So es nicht regnet, wie es sich jetzt wieder ankündigt.
Weit kommen wir nicht, fängt es wieder an. Also wieder heraus mit dem Regenzeug.
250 Kilometer bis Ivalo. Die Straße führt schnurgerade durch die Landschaft. Täler, schütterer Birkenwald, Bergkuppen. Immer schnurgerade. Bis zu 70 Kilometer ohne Richtungsänderung. Zeit Gedanken nachzuhängen.
Die Möwenfeder weißt den Weg.
Ich denke an den Traum von heute Nacht. Versuche mich an das Gedicht von Goethe zu erinnern.
Ein Mann reitet in der Nacht einen Strand entlang, durch den Wind. Es ist der Vater, mit seinem Sohn, den er fest im Arm hält. Er fragt seinen Sohn, warum er so blass sei, und der Sohn antwortet: „Vater, siehst du den Geist nicht?“ Um den Jungen zu beruhigen, sagt ihm der Vater, was er da sehe, sei nur eine Nebelbank am Strand, und was er höre, nur das Rascheln der Blätter im Wind, aber der Sohn bleibt dabei, dass es der Geist ist, und der Vater reitet immer schneller durch die Nacht.
Ivalo passiert, Inari 65 Kilometer. Die Birken sind seit Rovaniemi niederer und sichtbar schütterer geworden. Von einer Kuppe aus, der Inarisee und die ersten Rentiere mitten auf der Straße. Wir besuchen das samische Volkskundemuseum. Eine willkommene Abwechslung nach Stunden im Sattel.
Hinter Karasjok eine Kreuzung. Hier treffen wir zum ersten mal auf den Wegweiser Nordkapp. Hier heroben wird es mit pp am Ende geschrieben. Geradeaus weiter nach Norden, Nordkapp, 160 Kilometer - links Kautokeino in die Finnmarksvidda hinab, 200 Kilometer - rechts ans Eismeer, Murmansk 302 Kilometer.
Die Straße überwindet die nächsten 70 Kilometer einen sanften Gebirgsrücken. Die Wasserscheide zwischen Ostsee und Nordmeer. Nach Norden hin lockern sich die Wolken und es wird freundlicher. Immer wieder Rentiere auf der Fahrbahn und meistens in Rudeln nach Kuppen. Nicht ungefährlich! Der Wald hat inzwischen ganz aufgehört. Nur noch Gras und niedere Strauchgewächse, Tundra.
In Lakselv erreichen wir das Nordmeer. Nach nocheinmal 70 Kilometern bleiben wir in Olderfjord an der Kreuzung kurz stehen. Alta in die eine Richtung, Nordkapp in die Andere.
Noch rund 80 Kilometer. Das Wetter hat sich hier an der Nordmeerküste endgültig zum Besseren gewendet.
Ich habe keinen Blick für die Schönheit der Landschaft. Die Erwartung, das vorläufige Ziel dieser Reise bald zu erreichen treibt mich voran.
Dieser ferne Ort, im kollektiven Bewusstsein so Vieler,
wir werden ihn bald erreichen.
Die baumlose Tundra, die Meeresarme, der Tunnel 7 Kilometer unter dem Meer hindurch, 21 Uhr, sonnig, kalt.
In Honingsvag angekommen, nehmen wir im erstbesten Hotel ein Zimmer, deponieren das Gepäck und machen uns an die letzten 30 Kilometer, zum letzten go north.
Die Erwartung steigt. In mir kribbelts vor Aufregung.
Endlich das Ortsschild Nordkapp.
Ich mache mit dem ausgestreckten Arm ein Foto von uns und dem Schild.
Wie damals.
Am Ende der Straße ist die Welt zuende...
Mit dem Handy telefonieren wir herum, genießen den Augenblick, essen in den Nordkapphallen eine Kleinigkeit, fotografieren. Gegen 23 Uhr versinkt die Sonne im Meer.
Als wir die Ausfahrt des Parkgeländes erreichen, drehe ich noch einmal um. Nachdenklich schaue ich auf den Ozean hinaus. Werde ich jemals wieder hierher kommen?
Ein herrliches Dämmerlicht liegt über der Landschaft als wir die Rückfahrt nach Honingsvag antreten. Um Mitternacht sind wir zurück und kaufen im einzigen noch offenen Lokal eine Grillwurst, die wir heißhungrig verzehren.
In rund 1 Stunde wird die Sonne, draußen, nahe wo sie im Wasser verschwand, wieder aufgehen.
Mittwoch, 18.8.
Das Nordkap ist der nördlichste auf Straße erreichbare Punkt der Welt. Es liegt jetzt hinter uns, rund 5000 Kilometer nach Hause vor uns. Go south. Packen wirs an.
Wieder einen wehmütigen Blick zurück und schon fahren wir los. Den Porsangen-Fjord entlang, wieder der Tunnel.
Das Kap haben wir jetzt unwiderruflich hinter uns gelassen.
Dieses Licht, die Berge, das Meer, der Himmel, von unwirklicher Schönheit.
Da, die Bucht. Als ich vor 20 Jahren da war, hielten wir hier auch schon an. Damals haben wir am Strand eine Suppe gekocht. Es war sonnig, es war mild - wie heute.
Wo sind die Jahre geblieben? Überall scheinen für kurze Augenblicke Erinnerungen durch.
Wir fahren durch eine karge Landschaft, an einem Hang dem Ufer entlang. Oben blauer Himmel - in der Mitte von sattem Gras bedeckte Berge, die Straße und wir - unten das Meer. Manchmal, wenn wir um eine Kurve kommen, fliegen Seevögel auf. Dann machen wir wieder Bekanntschaft mit Rentieren.
An einem Kiosk, der vom gleichen Deutschen wie damals betrieben wird, kaufen wir allerhand Andenken ein. Tand, gedörrte Dorsche, eine Handarbeit.
Wieder die Kreuzung in Olderfjord.
Diesmal nehmen wir den Weg nach Alta.
Wir haben einen neuen Weg eingeschlagen.
Zum Landesinneren hin verschlechtert sich das Wetter. 5 Kilometer Regen, 10 trocken, usw. Nur gut das am Himmel immer wieder blaue Löcher zu sehen sind, die die Hoffnung nähren, das Wetter würde sich bessern. Es geht in endlosen Geraden durch die baumlose Tundra . Die Straße haben wir mit kaum einem anderen Fahrzeug zu teilen. Die Möwenfeder surbelt.
Ich bin glücklich, wieder in dieses Land zu kommen. Es ist eine Art Nirgendwo, eine Gegend, die für nichts berühmt und gerade deshalb irgendwie anziehend ist. Spannungen lösen sich, wenn man auf so einer Straße fährt. Kein Mensch, kein Haus, kein anderes Fahrzeug. Wir streichen über die erstaunlich gut gepflegte Straße dahin. Links und rechts niederes Gras, manchmal Flechten. Der Horizont von einer Kuppe begrenzt. Sobald der Scheitel erreicht ist, die Fortsetzung des Bildes. Von nirgendwo nach nirgendwo.
Ein Lappenlager. Wir halten an. Ich kaufe ihnen ein Rengeweih ab. Da es hinten auf dem Motorrad zu ausladend ist, hackt es mir einer der Lappen mit einem Hieb durch den Schädelknochen in zwei Teile. Das imponiert mir so sehr, dass ich ihm prompt auch sein Schlagmesser abkaufe.
Die Vegetation wird wieder üppiger. Der Flanke des Altafjordes entlang, erreichen wir einen Pass. Gildetun.
Tief unten liegt der Fjord ausgebreitet. Wieder ein Ort mit Erinnerungen behaftet. Auf einem Parkplatz sind Schneepflüge abgestellt. Riesendinger deren Größe man erst so richtig erkennt als wir das Motorrad dazwischen abstellen. Bei Alta statten wir dem Museum mit den prähistorischen Steinzeichnungen einen Besuch ab.
Die Straße folgt nun in zigtausend Kurven dem schmalen Saum zwischen Meer und teils steil abfallenden Bergen. Wo sich etwas Platz anbietet, ein Dorf. Meist nicht mehr als ein paar bunte Hüttchen mit Fischtrockengestellen davor.
Den ganzen Tag schon treffen wir immer wieder auf einen deutschen Motorradfahrer. In Olderdalen, an der Kreuzung - Straße oder Fähre nach Tromsö - kommen wir ins Gespräch und beschliessen gemeinsam den Weg mit der Fähre zurückzulegen.
Hier am Meer ist der Himmel wieder blau und unter schönster Abendsonne fahren wir nach mehreren Etappen Straße/Fähre in Tromsö ein.
Wir entscheiden uns auf einem Campingplatz zu übernachten. Zu spät stellen wir fest, dass Hütte und spärliches Frühstück kaum weniger kosten als ein Hotelzimmer mit Frühstücksbuffet.
Im Zentrum bummeln wir etwas herum. Wir möchten Abendessen. Norwegische Kronen haben wir noch keine, Euros wollen sie nicht. Wir landen schließlich bei einem Chinesen der Kreditkarten akzeptiert. Hier scheint mir mehr los zu sein als in Helsinki. In einer Kneipe trinken wir noch was. Ein Typ pumpt uns um ein paar Kronen an. Ich gebe ihm eine 2-Euro-Münze. Dafür wünscht er mir ein langes Leben.
Live long.
Donnerstag, 19.8.
Wir duschen im Badhäuschen, frühstücken. Unmittelbar an der Eismeerkathedrale, der wir einen kurzen Besuch abstatten, gelangen wir über die Bogenbrücke ins Zentrum. Roswitha behebt mit ihrer Karte 1000 Kronen. Wir besprechen uns mit Henrik, so heißt der Deutsche, und suchen das Büro des Verkehrsvereines auf. Eine Bedienstete die recht gut deutsch spricht, versorgt uns mit Tipps für die Weiterreise über die Vesteralen und Lofoten. Seit dem Kapp sind wir ziellos unterwegs und nehmen Vorschläge für die Weiterreise gerne entgegen. Sie lädt Fährverbindungen und Fahrpläne aus dem Netz und gibt uns die Ausdrucke mit. Senja, eine Insel im Meer vor Tromsö, sollen wir uns nicht entgehen lassen. Ich gebe noch einen aus. Aber bevor wir weiterfahren besuchen wir noch das Polar-Museum.
Unter einem herrlich blauen Himmel durchqueren wir zusammen die Insel auf der Tromsö liegt. In Brennsholmen essen wir in einem kleinen „Strandrestaurant“ zu Mittag. Pünktlich finden wir uns in Hillesoy ein und setzen auf die Insel Senja über. Auf der Nordroute, bummeln wir, bald Meeresarme ein und aus, bald Landzungen überquerend, bald Fähren benutzend, dahin. Wir kommen an einsamen, abgelegenen Dörfern vorbei, die nur übers Meer zu erreichen sind.
Wie es den Menschen hier wohl gehen mag?
In Straumsnes trennen wir uns von Henrik. Er will noch auf Senja bleiben.
Wir schlagen das schmale, holprige Strässchen nach Gryllefjord ein, von wo die Fähre auf die Vesteralen abgeht.
Auf diesem Weg geraten wir in die einzige brenzlige Situation dieser Reise. Außer uns scheint niemand unterwegs zu sein. Wir sind flott unterwegs, um 19 Uhr geht die Fähre. Mehrmals ist die Betondecke wegen Bauarbeiten unterbrochen. Aber auch auf dem Schotter lässt es sich gut fahren. Nur einmal ist der Schotter noch nicht angedrückt. Vom Asphalt mit Schwung, unmittelbar in den knöcheltiefen Splitt. Ich habe mit der überladenen Maschine alle Hände und Füße voll zu tun...
Die Strecke folgt allen Unebenheiten des Geländes und führt unter gleißendem Sonnenlicht dem Meer entlang dahin. Traumhaft schön. Nur Kilometer legen wir kaum zurück. Immer wieder halte ich ungeachtet Roswithas Ermahnungen an, um ein Foto zu schießen. Hinter der nächsten Landzunge wähnen wir uns am Ziel, aber es ist noch ein Pass zu überwinden. Als wir in Gryllefjord ankommen, ist es, als ob die Fähre nur noch auf uns gewartet hätte.
Während der Überfahrt schlägt zusehends das Wetter um. Südwärts, wohin wir unterwegs sind, eine Schlechtwetterfront, im Norden bleibt es Blau. Die Dünung kommt vom offenen Meer her angeschwappt. Das Schiff rollt derart, dass ich Anfange die Matrosen zu beobachten, ob an deren Verhalten etwas auf eine bedenkliche Situation hindeutet. Nun verstehe ich auch warum ich das Motorrad im Laderaum unter Aufsicht eines Seemanns so fest zu verzurren hatte.
Als wir gegen 22 Uhr in Andenes, einer ehemaligen holländischen Walfangstation auf den Vesteralen ankommen, ist vom schönen Wetter nichts mehr übrig. Im erstbesten Hotel quartieren wir uns ein und machen uns auf die Suche nach einer Mahlzeit. Vor einem Restaurant verkündet eine Tafel dass es heute frisches Walsteak gebe.
Um in einem Land wirklich gewesen zu sein, muss man auch von seinen Speisen essen.
Prima!
Freitag, 20.8.
Eine Woche unterwegs.
Den Fahrzeuggeräuschen nach, die wir von der Straße durchs offene Zimmerfenster hören, regnet es. Einstweilen haben wir aber sowieso ein gutes Frühstück vor uns. Danach als wir auf die Straße treten, schaut`s schon besser aus. Vorsorglich ziehen wir dennoch die Regensachen über. Roswitha behebt schon wieder Kronen und dann fahren wir los.
Eine zerklüftete Inselwelt durch die wir von einer Insel zur anderen hüpfend, südwärts ziehen. Meistens über langgeschwungene Brücken, manchmal mit einer Fähre einen Sund überwindend. Mit dem Wetter haben wir mehr Glück als es am Morgen schien. Die Straßen sind zwar überall nass, die Regenkleidung behalten wir aber nur wegen des kalten Windes an. An einer Tankstelle kaufen wir Äpfel die wir unterwegs wieder verlieren.
Felsen steigen aus einem tiefblauen, fast schwarzen Meer. Grüne Hänge mit Herden von Schäfchen und wieder Schafe, in höchster Lebensgefahr, gleichmütig mitten auf der Straße liegend. Dann wieder saftig grüne Inseln mit Buchten in denen manchmal bunte Häuschen zu sehen sind. Die einzigen Farbtupfer in dieser schaurig schönen Einöde.
Bei Melbu setzen wir von den Vesteralen auf die Lofoten über. Ein Kreuzfahrtschiff, die Midnatsol, liegt neben dem Fährschiff vertäut.
Sobald wir irgendwo auftauchen wo sich auch andere Motorradfahrer einfinden, wird unser Motorrad immer sofort in Augenschein genommen. Die neue GS ist im Sommer 2004 ein echter Hingucker. Hier im hohen Norden erst recht. Wir kommen mit dänischen Motorradfahrern ins Gespräch. Englisch radebrechend unterhalten wir uns, wobei sie erzählen in Murmansk gewesen zu sein.
Wir besuchen ein Wikingermuseum das einem umgestülpten Schiffsrumpf nachempfunden ist. Fahren immer inselhüpfend und ohne Eile Richtung Süden. Am späten Nachmittag sind wir an der Südspitze der Lofoten angelangt. Das Moto lassen wir in Moskenes an der Mole stehen und machen uns zu Fuß auf den Weg die Gegend zu erkunden. Essen händevoll Schwarzbeeren die hier überall gedeihen, wandern bis an das steil abfallende Inselende, genießen das Panorama, die hübschen Häuschen, die vielen Buchten mit Fisch-Trocken-Gestellen.
In einem Laden kaufen wir etwas Obst, eine Getränkepackung, Fischkonserven und etwas Brot. Auf den Stufen zur Kirche die über der Ablegestelle steht, machen wir es uns gemütlich und verzehren unseren Proviant. Ruhe haben wir dabei keine. Ständig müssen wir uns der herumschwirrenden Mücken erwehren. Ein Fläschchen Autan tut seine guten Dienste.
Es regnet jetzt. Der Parkplatz beginnt sich zu füllen und pünktlich um 23 Uhr legt das Schiff ab. An Bord suchen wir uns ein ruhiges Plätzchen und schlafen dem Festland entgegen.
Samstag, 21.8.
Unbemerkt hatte die Fähre in aller Frühe in Bodö angelegt. Wir werden erst vom Treiben des Putztrupp geweckt. Beim Verlassen des Schiffs bemerken wir die Midnatsol, die ebenfalls im Hafen liegt. Gegen 4 Uhr früh nehmen wir die Straße hinaus nach Straumen, auf die gegenüberliegenden Seite des Fjords, zum Malstrom, dem stärksten Gezeitenstrom der Erde.
Plötzlich eine Gestalt im Gebüsch. Ein kapitaler Elch, der sich anschickt die Fahrbahn zu überqueren, nimmt durch das Unterholz brechend, reißaus.
In Gedanken folge ich den Spuren von damals, suche nach Anhaltspunkten im Gelände an denen Erinnerungen festgemacht sind.
Durch enge Sunde zwischen den Inseln wird der Austausch des Wassers zwischen Fjord und offenenem Meer verzögert. Die Wasser stauen sich an den Engstellen und schießen dann mit reißender Geschwindigkeit, gefährliche Strudel und Strömungen bildend, durch das Nadelöhr. Es reißt und gluckst und gurgelt. Ein unheimliches Naturschauspiel.
Noch 3500 Kilometer bis nach hause und es regnet und wir frieren. Zuhause erleben sie gerade den Hitzerekord dieses Sommers.
Von daheim fordern wir eine Wetterprognose für Mittelnorwegen an. An einer Tankstelle frühstücken wir und tanken zum zwölften mal seit unserer Abfahrt.
In der Zwischenzeit ist das SMS mit dem Wetter eingetroffen. Für Süden fällt die Prognose besser aus. Da müssen wir eh hin!
Das Fjordein- und Fjordausfahren lassen wir für heute sein und wenden uns der E6 zu. Einer Landstraße die ziemlich direkt nach Süden führt. Das Saltdalen in stetigem Anstieg hinauf auf eine Hochfläche und das Lonsdalen langsam abfallend wieder hinab. Irgendwo die Unterschreitung des Polarkreises. Immer wieder säumen Seen unseren Weg. Dazwischen Teilstrecken wie sie mir gefallen. Endlose Geraden auf denen man seinen Gedanken nachhängen kann.
Die Möwenfeder ist nass und vom Fahrtwind tausender Kilometer ziemlich zerzaust. Wie lange wird sie der Belastung standhalten? Wie lange wird das Motorrad der Belastung standhalten!
Manche der Veränderungen am Motorrad, vollziehen sich sehr rasch und sind nur von kurzer Dauer, beispielsweise sein Verhältnis zur Straße. Dieses überwache und korrigiere ich unbewusst und laufend, während wir den Windungen der Straße folgen. Sobald diese Informationen keinen praktischen Wert mehr haben, vergesse ich sie wieder, weil ich ständig neue Eindrücke empfange, die ebenfalls verarbeitet sein wollen. Andere Veränderungen gehen langsamer vor sich: das Verschwinden von Benzin aus dem Tank. Das Verschwinden von Gummi von den Reifen. Das Lockerwerden von Schrauben und Muttern. Die Veränderung des Abstands zwischen Bremsbelägen und scheiben. Andere Aspekte des Motorrades ändern sich so langsam, dass sie unveränderlich scheinen die Lackierung, die Radlager, Kupplungs- und Gaskabel -, doch auch sie ändern sich laufend. Und wenn man in wirklich großen Zeiträumen denkt, verändert sich sogar der Rahmen etwas, infolge der Stöße beim Fahren und der Temperaturschwankungen und der Ermüdungserscheinungen, die bei allen Metallen vorkommen.
Übermüdung macht sich auch bei mir bemerkbar. Die wenigen Stunden Schlaf während der Überfahrt, die monotone Landschaft, der Dauerregen. Mit aller Kraft muss ich die Augen offen halten. Besser ich halte an! Das Motorrad auf dem Hauptständer, sitzend über den Tank gebeugt, schlafe ich im Regen, während sich Roswitha die Beine vertritt. Zwei weitere male übermannt mich an diesem Tag die Müdigkeit. Einmal lege ich mich an einer Raststätte für eine Viertelstunde auf einen Tisch und gegen Nachmittag noch einmal einfach neben der Straße auf den Boden.
An einer mächtigen Stromschnelle, deren tosen wir lange schon hören, machen wir halt. Innerhalb von 100 Metern stürzt ein doch bedeutender Fluß 30 Meter hinab. Hier treffen wir auf einige Motorradfahrer, Italiener, die auch mit Motorrädern unterwegs sind. Sie sind mit der alten 1150er unterwegs und umlagern sofort meine neue 1200er GS.
Bei Steinkjer geht’s mit den Fjorden wieder los. Abwechselnd hat es den ganzen Tag immer wieder geregnet. Das Wasser rinnt die Falten des Regenzeugs entlang unter meinen Po.
Ich sitze in einer Lache.
Trondheim. Endlich!
Im Rica-Hotel kommen wir unter. Ein feines Haus. Geräumiger Empfang, poliertes Messing, auf Hochglanz geschliffene Böden, Teppiche. Im Kontrast dazu wir, mit unseren Helmen und Rentierhörnern unter dem Arm - dem, von der nassen Fahrbahn aufgewirbelten Gischt - schmutzigen Seesack An der Rezeption füllen wir das Anmeldeformular aus. Aus den Schlottern tröpfelt Wasser. Ein paar Gäste schauen. Für sie müssen wir Abenteurer sein, mit dem Image von motorradfahrenden Rowdys.
Zunächst lassen wir die Wanne vollaufen. Das warme Wasser weckt die Lebensgeister. Wir machen noch eine Runde durch die Stadt. Im Hafenviertel, vor einem netten Bistro lassen wir uns Kreolpasta und Fischsuppe servieren. Eingehüllt in die bereitliegenden Decken hören wir Livemusik, rauchen eine und trinken noch ein Bier dazu.
Ein kalter, nasser Tag geht dem Ende zu.
Sonntag, 22.8.
Gut ausgeschlafen stehen wir gegen 9.30 Uhr auf. Um den gesalzenen Preis fürs Zimmer etwas auszugleichen, plündern wir das reiche Frühstücksbuffet und verproviantieren uns für den ganzen Tag.
Ein kurzer Bummel noch durch Trondheim, und es fängt schon an zu regnen. Das Regenzeug wieder ausgepackt und wiedereinmal angezogen. Wir sind etwas unentschlossen, auf welcher Route es weitergehen soll. Wir fahren los, halten wieder an, beraten, fahren wieder los. Es ist Mittag, als wir endgültig den Weg nach Bergen einschlagen. In Opdal verlassen wir die E6 wieder und fahren über ein Gebirge hinaus in die Welt der Fjorde.
Immer wieder brechen Regenschauer los. Rechts und links von uns sind die Berge steil geworden und bilden ein langes schmales Tal, durch das sich die Straße hinausschlängelt. Von den Hängen stürzen weißschäumende Bäche, die einen Fluß nähren. Dann und wann wird das Tal von tief eingekerbten Tälern unterbrochen, aus denen breite Bäche fließen. Wir merken, wie der Fluß, von diesen Bächen gespeist, zusehends breiter wird. Wo die Nebel den Blick freigeben, ist die Schneefallgrenze auszumachen. Wir haben alles was wir an wärmender Kleidung haben, angezogen und frieren dennoch. Mehrmals wringe ich meine triefend nassen Handschuhe aus. Ohne Griffheizung wäre ich hier wohl aufgeschmissen.
Sobald wir in Sunndalsora ans Wasser kommen, bessert sich auch das Wetter. Offensichtlich besteht zwischen Wasser und Land eine Wettergrenze. Nach dem Wasser hin besser, nach dem Land schlechter. Der Fluß mündet hier in den Fjord. Ringsumher kleine Lichtinseln.
Das Motorrad schnurrt durch die kühle Luft, aus dem Wald steigen Nebelschwaden empor, ein Regenbogen spannt sich über die Landschaft. Die Sonne setzt sich für kurze Zeit gegen die Wolken durch und taucht alles in ein goldenes Licht. Wir fahren den Fjord, bald unten beim Wasser, bald etwas höher am Hang entlang. Ein Duft von „Meer“ liegt in der Luft.
Während ich übers Wasser hinausschaue, stelle ich mir vor, dass ich zu Roswitha sage: „Siehst du?...Siehst du?“ Für mich sind da überall Erinnerungen, die sie nicht hat:
Ein kalter Morgen, vor langer Zeit, die Farbe des Wassers türkisblau, vom Meer her weht ein Wind der den Geruch von Tang mitbringt. Die Kinder und ich waten knöcheltief durch den Schlick.
Erinnerungen die sich in der Brust einnisten, unterm Herzen. Die nach Jahren, ja nach Jahrzehnten hervorbrechen und ein Kribbeln in der Brust entstehen lassen. Eindrücke die zunächst kaum wahrgenommen werden sind plötzlich wieder da. Verklärt und im schönsten Schein. Die verlorene Jugend meldet sich zurück. Botschaften aus längst vergangener Zeit. Zu schnell ist alles vorbeigezogen. Aus den Gerüchen formen sich Erinnerungen.
Andalsnes erreichen wir noch. Ein hübsches Häuschen zieht unsere Blicke auf sich. Ein Täfelchen weißt auf ein freies Zimmer hin.
Hier bleiben wir für heute.
Montag, 23.8.
Noch im Bett liegend, fordere ich per SMS von zuhause eine Wetterprognose an. Wenn sie optimistisch ausfällt wollen wir unsere Reise über den Trollstigvegen, einer Passstraße, fortsetzen, wenn nicht, fahren wir hinaus nach Alesund.
Die Hausfrau bringt uns ein Frühstück ins Zimmer. Nach der Morgentoilette ist auch das Wetter da. Gute Nachrichten!
Den Trollstig erreichen wir nach wenigen Minuten Fahrt. Zunächst dominiert ein Wasserfall die Szene. Ich scheuche die BMW durch die Kurven auf die Passhöhe hinauf. Aus dem schnurrenden Kätzchen wird ein wütender Grizzly. Erst im oberen Straßenabschnitt tritt die kühn geführte Trasse in den Vordergrund. 6 Kehren und wir sind oben.
Ich ziehe mit den Zähnen einen Handschuh aus, lange hinunter und befühle die Aluminiumrippen eines Zylinders. Die Temperatur ist in Ordnung. Zu warm, um die Hand draufzulassen, aber nicht so heiß, dass ich mich verbrenne. Da fehlt also nichts.
Na ja, Pässe fahren wir den ganzen Sommer. Die langen Geraden durch Wald und Tundra hinterlassen in meinen Gedanken den nachhaltigeren Eindruck.
Wir kommen auf unserem Weg über diesen Bergrücken bis an die Schneegrenze heran. Wolkenfetzen streichen um die Bergflanken. Immer neue Ausblicke tun sich auf. Schroffe Felsen, eisige Höhen, voraus gleißen Gletscher in der Sonne.
Es weht ein eisiger Wind. Als ich einmal kurz nach der Möwenfeder sehe, ist sie von Reif bedeckt.
Bergabwärts wird’s wieder wärmer. Auch weil jetzt die Sonne die Oberhand gegen die Wolken errungen hat. Nach übersetzen über einen Fjord, erreichen wir durch viele Tunnels, über eine Bergstraße hoch am Hang kommend, Geiranger.
Es ist gerade Mittagszeit. Zu mehr als einem Imbiss haben wir aber keine Lust. Die Sonne genießend, warten wir auf die Abfahrt der Fähre, die uns den Geirangerfjord hinaus, zum nächsten Straßenanschluß bringen soll. Während der Fahrt erfahren wir allerlei über die Gegend. Die 7 Schwestern, die Bauernhöfe in unglaublicher Einsamkeit, den ertragreichen Obstbäumen.
Nachdem wir die Schiffsplanken wieder mit dem Asphalt getauscht hatten, geht die Schlängelei über Berge und durch Täler weiter. Immer wieder säumen Gletscher unseren Weg.
Die sonnigen Abschnitte sind angenehm warm, die schattigen ungemütlich kalt.
Schon seit unserer Ankunft in Helsinki halten wir nach einem Elchgeweih Ausschau. In Souvenierläden, an Tankstellen, an der Straße bei fliegenden Händlern werden immer wieder welche angeboten. Ein wirklich schönes war bisher nicht dabei. Bis jetzt. Nach dem tanken sehen wir uns im angeschlossenen Laden um. Hier hängen ein paar kapitale Paare. Wir nehmen ein einzelnes Blatt für 1500 Kronen und schnallen es zu den Renhörnern auf die Gepäckrolle.
Der Sognefjord ist der am weitesten ins Land hinein reichende Fjord. Von der Mündung bis in den hintersten Winkel beträgt seine Länge über 200 Kilometer. Wir erreichen ihn bei Lavik und setzen über. Bis Bergen, unserem heutigen Ziel, ist es nicht mehr weit. Über hügeliges Gelände, ein Gewirr von Fjordarmen, lange Brücken überwindend, sind wir gegen 18 Uhr da. Im Zentrum nehmen wir in einem Hotel ein Zimmer.
Nach einer kurzen Rast begeben wir uns auf einen Bummel durch die malerischen Gassen. Im Hafen laden Lokale zu einem Besuch ein. Unter einer Veranda genehmigen wir uns eine Riesenpizza. Es ist warm genug für ein Eis. Bei einem Bier lassen wir den Tag ausklingen.
Norwayan way of life
Dienstag, 24.8.
Bergen, Norwegens Schönste!
Wir erkunden die engen Gassen in den Bryggen, schlendern durch die Marktstände im Hafen. Vorwiegend wird frisch gefangener Fisch und Krustentiere angeboten. Das Angebot erstreckt sich aber auch auf andere Waren. An einem Stand kaufe ich ein zweites Messer, wie ich es in der Finnmark oben von dem Lappen gekauft hatte.
Es ist warm. Ein Restaurant mit im Freien aufgestellten Tischen lädt zu einem Besuch ein. Nach den Eindrücken vom Fischmarkt wählen wir Spaghetti mit Meeresfrüchten. Hm, mit den mediteranen haben die hier aufgetischten aber nicht viel gemeinsam.
Für den Weiterweg wählen wir die Straße über Bergsdalen nach Voss. Es geht über einen Pass steil bergan. Das schmale Strässchen windet sich durch lange Tunnels auf eine wilde Hochfläche hinauf. Hier haben Norwegens Straßenbauer ganze Arbeit geleistet. Unglaubliche Ausgaben für die wenigen Fahrzeuge die hier verkehren. Ein reiches Land!
Natürlich schlägt im Landesinnern das Wetter wieder um. Wie gehabt. Immer höher gelangen wir hinauf. In diesem Licht eine unwirtliche Gegend. Jetzt hat sich gar der Regen in Schneegraupeln verwandelt. Meine Handflächen sind von der vollen Leistung der Griffheizung heiß, die Handrücken eisig. Die Möwenfeder macht auch keinen Zappler. Sie hat einen weiteren Knick abbekommen und klebt festgefroren an der Scheibe. Immer wieder teste ich mit der Fußsohle, ob die Straße ja auch nicht rutschig sei.
Sobald wir Talaus etwas tiefer kommen, wird’s wieder angenehmer. Es regnet nur noch strichweise. Helle Streifen vom Himmel kündigen die Schauer regelmäßig an.
Von der Straße aus sehen wir etwas abseits eine Stabkirche. Nach mehreren Versuchen fahrend hinzukommen, geben wir es auf und machen uns zufuß auf den Weg. Leider ist die Kirche verschlossen und wir müssen uns damit begnügen, sie von außen anzusehen.
Die Straße führt abwechseld durch landwirtschaftlich genutztes Gebiet und endlose Wälder.
Das Wetter hat auf die Reisegeschwindigkeit sogut wie keinen Einfluß. Ob nass oder trocken, wir fahren immer gleich schnell. Oder langsam, je nachdem wie man es sieht. Im Norden sind 100 erlaubt, hier 90. Die Verkehrsteilnehmer sind alle sehr diszipliniert und halten sich strickt an die Vorschriften. Übertretungen würden auch teuer. Sehr teuer. 1000 Kronen pro kmH, sofort fällig und auch per Kreditkarte abbuchbar.
In regelmässigen Abständen warnen Schilder vor Elchen. Die Gefahr eines Wildwechsels schätze auch ich als größtes Risiko auf Norwegens Überlandstraßen ein. Besonders wenn man wie wir, mit dem Motorrad unterwegs ist. Fast alle Lastwagen sind mit Elchfängern ausgerüstet und wie ich glaube, nicht nur zur Dekoration. Auf Waldtrassen fahre ich jedenfalls immer vorausschauend und den Waldrand im Auge behaltend.
Gegen Oslo zu wird das Land immer ebener. Wir fliegen über das flache Land, Wiesen und Äcker, kaum ein Auto zu sehen, kaum ein Baum, aber die Straße ist gut und sauber. Die Maschine hat einen satten mitteltourigen Ton, der anzeigt, dass sie in ihrem Element ist.
Es wird immer dunkler.
Es ist 22 Uhr als wir am Stadtrand von Oslo die Mautstationen passieren. Wer in die Stadt will, hat einen Obolus zu entrichten. Motorräder sind davon ausgenommen. Auf der für Einheimische reservierten Spur passieren wir die Station.
Gar nicht so einfach in Oslo ein freies Hotel zu finden.
Wir irren lange herum und halten Ausschau. Überall ausgebucht. In einer Seitenstraße finden wir endlich eine Absteige die noch ein Zimmer frei hat. Allerdings steht nur ein Bett drin. Auch ok. Die vermieten das Zimmer wohl auch stundenweise. In einer vorwiegend von Schwulen besuchten Bar essen wir noch ein Kebab. Wir sind unkompliziert.
Mittwoch, 25.8.
In Oslo waren wir auch damals schon, als ich mit den Kindern hier war. Wieder streunen wir durch die Gassen. Es ist erstaunlich, wieviel vergessen geglaubtes wieder auftaucht. Auch nach so vielen Jahren werden Erinnerungen wieder lebendig, sobald man an den Ort des Geschehens zurückkehrt.
Für die Weiterreise wählen wir wieder die E6, die hier im Süden autobahnähnlich ausgebaut wurde, bzw. noch in Bau ist. Immer wieder geraten wir an den Baustellen in Staus. Wehmütig denke ich an die einsamen Straßen im Norden die uns alleine zu gehören schienen.
Ein Fjord bildet die Grenze zwischen Norwegen und Schweden. Über eine ziemlich hohe Brücke die hier den Fjord überspannt, gelangen wir auf die schwedische Seite. Wir halten an, tanken und kaufen mit den letzten norwegischen Kronen etwas Obst.
Göteborg statten wir einen Besuch ab. Wir suchen herum um das Zentrum zu finden. Mit den Fragmenten von damals im Kopf, es ist gar nicht so leicht, die zur Erinnerung passenden Orte wiederzufinden.
Es hatte schon auf der Fahrt hierher immer wieder geregnet und jetzt geht’s im bald gewohnten Takt weiter. Eine Regenpause nutzen wir zu einer Rast. Auf dem Gelände einer Tankstelle finden wir einen trockenen Flecken und setzen uns einfach auf den Boden. Hier genießen wir die an der Grenze gekauften Äpfel. Als wir weiterfahren, regnet es eh` schon wieder. Unter einer Autobahnüberführung wechseln wir wieder in die Regenkleidung. Später halten wir an einer idyllisch gelegenen Kirche an und betreten bei dieser Gelegenheit den anliegenden Friedhof. Ich lese die Namen auf den Gräbern und überschlage wie alt die Bevölkerung hier so wird.
Jetzt säumen Felder die Straße. Manche von ihnen sind gelb von Weizen, und langgezogene Wellenbewegungen gehen darüber hin, wie über die Oberfläche eines Sees. Die Gegend hier wird intensiv landwirtschaftlich genutzt. Und nicht nur überall an exponierten Stellen drehen sich die Flügel der Windkraftwerke.
Wir hatten zwar von der neuen Brücke unten im Süden gehört, auf unserer Karte ist sie aber noch nicht verzeichnet. In Helsingborg folgen wir einfach den Schildern zum Fährhafen und setzen nach Helsingör über.
In Kopenhagen finden wir auch nicht auf Anhieb ein Hotel. Im Norden war alles viel einfacher. Endlich sind wir untergebracht. Wir gehen noch etwas bummeln. Hier ist was los! Die Gassen der Fußgängerzone quellen über von jungen Leuten. Leider haben wir noch kein dänisches Geld. Die Bankomaten geben nach 22 Uhr an Fremde keines mehr aus. Im Tivoli sei eine Wechselstube. Es ist jetzt 23 Uhr und sie lassen uns jetzt nicht mehr hinein.
Donnerstag, 26. 8.
Nach dem inzwischen gewohnten üppigen Frühstück, bummeln wir im Zentrum herum.
Das pulsierende Leben von gestern Abend setzt sich auch am Vormittag fort. Roswitha behebt am Bankomaten etwas Geld. Wir trinken da was, essen dort ein Eis, suchen das Geschäft Tage Andersons auf.
Das Wetter war bis Mittag sonnig, jetzt ziehen vermehrt Wolken über den Himmel. Per SMS hole ich eine Wettervorhersage für den Hamburger Raum ein. Im Laufe des Freitag soll eine großflächige Störung Norddeutschland erreichen und längeranhaltende, stärkere Niederschläge mit sich bringen.
Wir holen die BMW aus der Tiefgarage und machen uns auf die Weiterreise.
Seit dem Nordkap haben wir 3800 Kilometer zurückgelegt. Rund 1500 trennen uns noch von daheim. Die Aussicht auf länger anhaltendes Regenwetter bereitet mir keine Freude. Als wir an einer Tankstelle zum tanken anhalten müssen, setze ich ein SMS nach hause ab und bitte einen Autoreisezug für die Heimfahrt zu organisieren.
Auf einer Schnellstraße fahren wir übers Land. Typische dänische Landschaft. Bald Dörfer, bald Felder mit langen Baumreihen, bald Dünen vor einem grünlichen Meer. Masten mit Windflügeln beherrschen den Horizont. Strichweise müssen wir durch einen kurzen Regenschauer, im Großen und Ganzen aber bleibt es sonnig.
In Rodbyhavn verabschieden wir uns von Dänemark und setzen auf Fehmarn über. An Deck holen wir die mitgebrachten Brötchen heraus und geniessen die Überfahrt.
Weit draussen düst eine Tornado in langgezogenen Schleifen die Küstenlinie entlang.
Wie oft waren wir auf dieser Reise mit Fähren gefahren? Wie oft hat sich das Ritual des Ein- und Ausschiffens wiederholt? Wie oft habe ich das Motorrad fest vertäut? Es ist dies die letzte Überfahrt mit einem Schiff auf dieser Tour. Die Reise geht ihrem Ende zu.
An einer Stelle wo die Straße ganz nahe an den Strand heranführt halten ich an. Wir überwinden eine Düne und erreichen den Strand. Mehrere Kitesurfer lassen sich immer wieder hinaustreiben und kommen nach einiger Zeit an den Strand zurück. Wir sitzen auf einer Düne, schauen ihnen zu und genießen die Sonne.
Hamburg erreichen wir am frühen Abend. An der Binnenalster kommen wir in einem Hotel unter. Um die Alster wird gerade ein Volksfest abgehalten. Überall Buden mit verschiedenen Spezialitäten. An einer genehmigen wir uns ein super gutes Fischgericht. Zu guter Letzt wird noch anlässlich eines Jubiläums ein riesen Feuerwerk in den Himmel geschossen.
Ich hatte das Motorrad in der Nähe des Hotels auf der Straße abgestellt. Den Typen die hier zirkulieren traue ich nicht ganz. Zwei Gassen weiter, fahre ich das Motorrad einfach in die Garage eines Marriott.
Zurück im Hotel, ist auf dem Handy die Nachricht eingetroffen, dass unser Zug für morgen Abend vorgemerkt ist. Bozen war ausgebucht, dafür geht’s nach Villach. Auch ok!
Freitag, 27. 8.
Hamburg ist eine wirklich sehenswerte Stadt. Noble Gassen mit schicken Geschäften und Läden. In einem urigen Restaurant mit Ausblick über einen Kanal, essen wir Heringe mit Kartoffeln. Eine Hafenrundfahrt darf bei einem Hamburgbesuch natürlich auch nicht fehlen.
Wieder im Zentrum bummeln wir noch etwas herum. In meinen Taschen hat sich ein Mischmasch von norwegischen, schwedischen und dänischen Münzen angesammelt. Ich verschenke sie wahllos an die vielen Bettler.
Gegen 17 Uhr hole ich das Moto wieder aus der Garage. Die Ausfahrt ist zwar mit einer automatischen Schranke verschlossen, auf der Seite bleibt aber genug Platz um mit dem Motorrad zu passieren. Die Strafe für den Schwindel folgt sofort. Auf dem Rückweg zu unserem Hotel erwische ich den falschen Weg und finde erst mit Hilfe eines Taxlers wieder zurück.
Als wir in Altona am Verladebahnhof ankommen, staunen wir nicht schlecht. Gut 100 Harleyfahrer mit ihren Maschinen hatten die gleiche Idee und lassen sich vom Autoreisezug gen Süden bringen um am Harley-Treffen am Faakersee teilzunehmen.
Inzwischen ist das angekündigte Unwetter aufgezogen und es regnet in Strömen. Aber das soll unsere Sorge nicht mehr sein! Wir beziehen ein komfortables 2erAbteil und verzehren zunächst einmal die mitgebrachte Pizza. Vom Service lassen wir uns ein Fläschchen Rotwein ins Abteil bringen.
Der Regen wird vom Fahrtwind in Schlieren am Fenster entlang getrieben.
In meinen Gedanken bin ich in den hohen Norden zurückgekehrt. Zu den Erlebnissen dieser Reise. Habe ich alles nur geträumt? Wie wirklich ist die Wirklichkeit? Was ist die Wahrheit, und wie erkennt man, ob man sie gefunden hat?... Wie geht es zu, dass wir überhaupt etwas erkennen? Gibt es ein „Ich“, das erkennt, eine Seele, die weiß, oder besteht diese Seele nur aus Zellen, in denen chemische Abläufe die Sinne koordinieren?...
Der Zug rollt und ruckelt durch die Nacht. Das monotone KlackKlack lullt mich in den Schlaf. Einmal, als ich kurz aufwache, stelle ich mir das Motorrad vor das da hinten auf den Ladewagen irgendwo verladen ist und die Möwenfeder. Seit ich sie in Rostock an die Halterung der Windschutzscheibe gesteckt habe, hat sie uns begleitet. Bei Überholmanövern wurde sie kräftig herumgewirbelt. Der Fahrtwind hat sie hin und hergebogen, hat Sonne und Regen miterlebt.
Auf den Höhen des Bergsdalen war sie sogar zu Eis gefroren.
Samstag, 28.8.
In Villach erwartet uns ein strahlend schöner Tag. Kaiserwetter wie man es hier nennt. Kaum eine Wolke am Himmel. Es ist sommerlich warm. Gemütlich zuckeln wir durch die Kärntner Landschaft dahin. An einer Tankstelle tanken wir und kaufen uns ein Eis. Rund 30 mal haben wir auf dieser Reise Benzin nachgefüllt.
Die verbleibenden 220 Kilometer bis Brixen verursachen nach den Tausenden der letzten Tage keinen Respekt mehr.
Hinter einer Wegbiegung ist jetzt der Millstätter See zu sehen.
Ich klatsche Roswitha aufs Knie und zeige in die Richtung.
„Was?“ schreit sie.
„Der See!“
Sie zieht von hinten an meinem Helm und schreit:
„Haben wir schon massenhaft gesehen.“
Wehmütig denke ich an die einsamen Gegenden im hohen Norden. Auf dieser Nordkaptour musste ich erfahren, dass 6500 selbst gefahrene Kilometer und nocheinmal gut 3500 mit Autoreisezügen und Schiffen in 17 Tagen, keine Zeit übriglassen um Land und Leute kennenzulernen. Doch die Erinnerung an die faszinierenden Landschaften des Nordens wird für immer in meinem Gedächtnis bleiben.
Wieder gibt das Gelände einen Blick über den See frei. Wieder gebe ich Roswitha einen Klaps aufs Knie... dann fällt mir ein, dass sie das ja schon kennt.
„Was?“ schreit sie auch diesmal.
„Nichts.“
„Sag doch.“
„Ich wollte nur sehen, ob du noch da bist“, rufe ich nach hinten, und dann wird kein Wort mehr gewechselt.
Wenn man nicht gerade gerne schreit, führt man auf dem Motorrad keine langen Gespräche. Lieber hält man die Augen offen und denkt über alles mögliche nach. Darüber, was man sieht und hört, über die Stimmung des Wetters und über Erinnerungen, über die Maschine und die Landschaft, durch die man fährt.
Zuhause in der Garage hebe ich die BMW auf den Hauptständer und beginne das Gepäck abzunehmen. Ich sehe nach der Möwenfeder, die unsere Reise ja auch irgendwie mitgemacht hat. Ich hätte sie gerne als Andenken behalten. Sie ist nicht mehr an ihrem Platz.
Was soll`s, es ist jetzt egal.
Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar. Es ist da, aber ich habe keine Namen dafür.
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| Die Sehnsucht nach dem Norden ließ mich noch lange nach der Heimkehr einen Blick durch diverse Live-Cams werfen.
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